{"id":107,"date":"2012-09-04T15:52:41","date_gmt":"2012-09-04T13:52:41","guid":{"rendered":"http:\/\/galeriekoenig.com\/?page_id=107"},"modified":"2012-09-06T13:45:58","modified_gmt":"2012-09-06T11:45:58","slug":"text-luci","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/galeriekoenig.com\/?page_id=107","title":{"rendered":"Text Lucy"},"content":{"rendered":"<p><strong>Verquer, absurd, schief und teuer sowieso!<\/strong><\/p>\n<p>Es liegt nicht allein an der l\u00e4ssigen oder sogar nachl\u00e4ssigen Malweise, warum sich bei den Arbeiten von Lucy Berliner von Bad Painting sprechen l\u00e4sst. Die Bezeichnung passt auch wegen des absurden, geradezu d\u00e4mlichen Sujets, das so gar nichts Erbauliches, Sch\u00f6nes, Feines an sich hat. Alles auf den Bildern ist etwas verquer, und das schiefe Format ist nur der erste oder letzte Beleg daf\u00fcr. Doch signalisiert der Titel \u00bb Verquer, absurd, schief und teuer sowieso\u00ab auch, dass Berliners Gem\u00e4lde nicht etwa aus Unverm\u00f6gen oder Gleichg\u00fcltigkeit \u00bbdaneben\u00ab sind, sondern dass dahinter Absicht steckt. Die Kunst der Distinktion: Nur wer cool ist, wird solche Bilder m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Lucy Berliner legt als K\u00fcnstlerin eine v\u00f6llige Freiheit, eine geradezu lustvoll-dreiste Unbek\u00fcmmertheit im Umgang mit Formsprachen und Sujets an den Tag, sie kombiniert gegenst\u00e4ndliche und abstrakte Malerei oder Elemente der Hochkunst mit Versatzst\u00fccken der Popul\u00e4rkultur. Sie ordnet sich keinem Ma\u00dfstab unter, wie es eine Ideologie, ein Stil oder ein Geschmacksideal von ihr verlangt. Und tats\u00e4chlich kann man sich fragen, ob ihre Werke nicht zu subtil sind, um als Bad Painting durchzugehen. Sie ist nicht so plakativ-schw\u00fcl wie Picabia, nicht so sarkastisch-abgr\u00fcndig wie Kippenberger, nicht so rotzig wie Oehlen. Die Geschmacksverletzungen, die sie dem Publikum vorsetzt, sind meist kleine Bosheiten, ja verschmitzte Neckereien, und selbst wenn sie heftiger sind, fallen sie erst auf den zweiten Blick auf. Dann erkennt man, dass eine Arbeit aus Exkrementen hergestellt wurde oder dass einige Bilder nach Nazifotos gemalt sind. Auch sonst enthalten Berliners Arbeiten viele Zitate und Bez\u00fcge, am h\u00e4ufigsten zur Geschichte der Kunst, zu Courbet, Magritte, Duchamp oder Warhol. Wenn Berliner ein Bad Berliner ist, dann ist sie also zugleich ein pictor doctus, eine h\u00f6chst gebildete, raffinierte K\u00fcnstlerin.<\/p>\n<p>Aber nicht nur deshalb ist ihre Kunst etwas elit\u00e4r und kann wohl nur diejenigen begeistern, die selbst schon einiges an Wissen mitbringen. Vor allem wirken die gezielten Geschmacksverletzungen ausgrenzend. Wer sie goutieren will, braucht, um eine Formulierung Susan Sontags aufzugreifen, einen \u00bbguten Geschmack des schlechten Geschmacks\u00ab. So hei\u00dft es in den ber\u00fchmten Anmerkungen zu camp, einem Aufsatz aus dem Jahr 1964, in dem Sontag eine spezielle \u00bbErlebnisweise\u00ab beschreibt, die darin besteht, Lust am Schr\u00e4gen, \u00dcbertriebenen, Skurrilen zu entwickeln, an allem, was gegen den guten Geschmack verst\u00f6\u00dft. F\u00fcr Sontag handelt es sich bei camp um ein Ph\u00e4nomen, das sich sowohl als Kitsch wie als Tabubruch \u00e4u\u00dfern kann. Wer einem Camp-Geschmack fr\u00f6nt, reduziert jedenfalls alles auf eine \u00e4sthetische Dimension \u2013 politische oder moralische Aspekte werden ausgeklammert.<\/p>\n<p>Damit verk\u00f6rpert sie auch eine Variante des Dandyismus, ja der camp- Geschmack sei, so Sontag, \u00bbTeil der Geschichte des Snob-Geschmacks\u00ab. N\u00e4her bestimmt sie ihn in folgendem Satz: \u00bbDie Dandy hielt sich ein parf\u00fcmiertes Taschentuch unter ihre Nase und neigte zur Ohnmacht. Die Kennerin des camp saugt den Gestank ein und r\u00fchmt sich ihrer starken Nerven.\u00ab Entsprechend verlangt der Umgang mit Bad Painting, aber auch mit den Bildern Lucy Berliners starke Nerven sowie eine gewisse Coolness. Deshalb f\u00fchlen sich davon wohl vor allem Menschen angezogen, denen es darum geht, mit ihrem eigenwilligen Geschmack \u00fcber all jene zu triumphieren, die lieber einem Common Sense folgen und daher als \u00e4sthetische Feiglinge geoutet werden k\u00f6nnen. Die Bad Painterin hingegen ist eher ein Macho. Tats\u00e4chlich sind die prominenteren Vertreter des Bad Paintings alle m\u00e4nnlich und verf\u00fcgen zudem oft \u00fcber einen ausgepr\u00e4gten Alphatier-Instinkt. Sie definieren sich \u00fcber \u00e4sthetische Mutproben und fordern sich gegenseitig regelrecht dazu heraus, noch mehr zu riskieren \u2013 sich und anderen noch mehr zuzumuten.<\/p>\n<p>Allein wer sich in einer starken und gesicherten Position f\u00fchlt, wer Erbauung, Trost oder W\u00e4rme nicht ben\u00f6tigt, kann es sich also leisten, auf das, was zum guten Geschmack geh\u00f6rt, auf Formen ungebrochener Sch\u00f6nheit zu verzichten und sich daf\u00fcr an ironischen, provokanten und absurden Sonderformen des \u00c4sthetischen zu erg\u00f6tzen. Damit werden andere eingesch\u00fcchtert, die camp oder Bad Painting nicht m\u00f6gen, aber zugleich ahnen, dass etwas daran sein k\u00f6nnte, was sich ihnen entzieht. Ihnen kommt es so vor, als h\u00e4tten sie etwas besonders Tiefes und Subtiles, ja ein utopisches Moment \u2013 noch \u2013 nicht erkannt, als k\u00f6nnten sie die Tarnung des Doofen und Schr\u00e4gen nicht durchdringen und seien daher denjenigen unterlegen, die sich an etwas Geschmacklosem erfreuen.<\/p>\n<p>Dass sich in der bildenden Kunst anders als in der Musik, in der Literatur oder im Film ganze Genealogien von \u0152uvres entwickelt haben, die mit Geschmacksverletzungen operieren, d\u00fcrfte mit dem hier st\u00e4rker als anderswo ausgepr\u00e4gten Anspruch auf Originalit\u00e4t zu tun haben. So ist der gesamten Moderne ein Misstrauen am Etablierten zu eigen, und die Angst, als dekorativ, akademisch oder gef\u00e4llig bezeichnet zu werden, f\u00fchrt bei vielen bildenden K\u00fcnstlerinnen zu dem Impuls, sich m\u00f6glichst weit von allem abzusetzen, was im Allgemeinen als geschmackvoll angesehen wird. Bad Painting ist also f\u00fcr viele K\u00fcnstlerinnen zuerst einmal ein Reflex: ein oft geradezu panischer Akt der Selbstbehauptung.<\/p>\n<p>Wie sehr dieser Reflex mittlerweile zur Gewohnheit, ja selbst zu einer Form von Akademismus geworden ist, zeigt sich an vielen Kunsthochschulen. So stellen Professorinnen den Studenten der Anfangssemester gern die Aufgabe, nur jene Farbt\u00f6ne zu verwenden, die sie nicht m\u00f6gen, und Farbkombinationen auszuprobieren, die ihnen widerstreben. Auf diese Weise werden sie geradezu darin trainiert, ihren eigenen Geschmack nicht ernst zu nehmen \u2013 und ihn in einen guten Geschmack des schlechten Geschmacks zu verwandeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verquer, absurd, schief und teuer sowieso! Es liegt nicht allein an der l\u00e4ssigen oder sogar nachl\u00e4ssigen Malweise, warum sich bei den Arbeiten von Lucy Berliner von Bad Painting sprechen l\u00e4sst. 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